Freitag, 19. Januar 2018

"Wenn die Gleichheit regiert, wird das die schlimmste aller Diktaturen." Bakunin (angeblich)




Das ist ein kürzlich fabriziertes Pseudo-Bakunin-Zitat. Wer das Zitat in einer Schrift des russischen Anarchisten Bakunin findet, bekommt einen Finderlohn von mir, habe ich auf Twitter versprochen.

Dienstag, 16. Januar 2018

"Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung. Ich glaube an das Pferd." Kaiser Wilhelm II. (angeblich)

Dieses inzwischen sehr weit verbreitete Zitat wird meines Wissens Kaiser Wilhelm II. erst im 21. Jahrhundert unterschoben. Es taucht um das Jahr 2000 im Usenet auf, 2002 in einem Buch, 2005 in einem Artikel in der "Welt" und wird seitdem in vielen unseriösen Zitatsammlungen, Managementratgebern und Zeitungen verbreitet.

In  digitalsierten zeitgenössischen Büchern und Zeitungen findet man das Zitat nicht. -

Allerdings gibt es in der Tat eine Prophezeiung Kaiser Wilhelms, etwas sei eine "vorübergehende Erscheinung": Im Januar 1900 prognostiziert Kaiser Wilhelm bei einer Feier der Technischen Hochschule in Berlin, die Sozialdemokratie sei eine 'vorübergehende Erscheinung' und lobt in der gleichen Rede die deutsche Technik, der erfreulicher Weise auch "das Ausland Achtung zolle".

Anders als das Auto-Zitat impliziert, zeigt sich Kaiser Wilhelm in dieser Rede sehr angetan vom Fortschritt der Technik.

1900, Kaiser Wilhelm II:
  • "Die Socialdemokratie betrachte ich als vorübergehende Erscheinung. Die wird sich austoben."
    Kaiser Wilhelm, 10. Januar 1900, Berlin, Technische Hochschule, Jahrhundertwendefeier,
    Reichspost 11. Januar 1900 (Link)
1968
  • "Jeder Autounfall — und es gab deren nicht wenige - wurde besprochen, und die Neunmalweisen wiederholten ständig, daß sie es immer gesagt hatten, das Auto sei eine Plage und überdies nur eine vorübergehende Erscheinung - wer würde in ein paar Jahren noch vom Auto sprechen?"
    Ohne Zuschreibung an Kaiser Wilhelm, "St. Moritz" (Link)
2001
  • "Ich glaube an das Pferd. Das Auto halte ich für eine
    vorrübergehende Modeerscheinung.
                                 -Kaiser Wilhelm II- "
    Kai Raphahn, 11. Januar 2001, de.alt.anime (Link);12. April 2001 (Link)
2001
  • "... Kaiser Wilhelm. Der sagte, ich halte nichts von dem Auto, ich setze auf das Pferd."
    (Link)
2002
  • "Und Kaiser Wilhelm II. erklärte noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das Auto werde auch beim Militär keine Zukunft haben, er setze auf das Pferd. "
    (Link)
2004
  • "Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung.
    (Kaiser Wilhelm II. )"
    12. August 2004  (Link)

2005
  • "Beckenbauer war sich 1990 sicher: "Wenn jetzt nach der Wiedervereinigung auch noch all die Fußballer aus dem Osten dazukommen, wird Deutschland auf Jahre hinaus unschlagbar sein." Ein anderer deutscher Kaiser (Wilhelm II.) war ähnlich treffsicher: "Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung." Nicht nur das Auto wurde unterschätzt. Als der erste Mikrochip auftauchte, fragten Ingenieure von IBM: 'Aber für was ist das gut?'"
    Dirk Maxeiner, Michael Miersch: "Wir glauben an das Pferd"
    "Die Welt" 20. Dezember 2005
    (Link)
2006
  • "Ganz oben am Eingang steht eine ausgestopfte Stute, daneben der Satz Wilhelms II. aus dem Jahr 1905: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung."
2016
  • "In einem Mercedes Simplex sitzend, sagte Kaiser Wilhelm II. 1904: »Das Auto hat keine Zukunft. Ich setze auf das Pferd.« Und Gottlieb Daimler 1901: »Die weltweite Nachfrage nach Kraftfahrzeugen wird eine Million nicht überschreiten  - allein schon aus Mangel an verfügbaren Chauffeuren."
    (Link)
Varianten:
  • "I believe in the horse. The automobile is a temporary appearance - Wilhelm II, Emperor of Germany, 1916" 
  • "I believe in the horse. The automobile is only a passing phenomenon."
  • "Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung."
  • "Das Auto hat keine Zukunft, ich setze aufs Pferd." 
  • "'In fünf Jahren wird keiner mehr vom Auto reden. Ich setze aufs Pferd' (Kaiser Wilhelm II., 1905)."
  • "Der Motorkarren ist eine vorübergehende Erscheinung - ich setze auf das Pferd."  

Das Zitat wurde von einer unbekannten Person geprägt, und hat sich seit 2001 auf zehntausenden Webseiten verbreitet. Da es vor dem 21. Jahrhundert in keinem digitalisierten Text Kaiser Wilhelm zugeschrieben wird und auch in keinem seriösen Nachschlagwerk zu finden ist, ist es wohl in allen  seinen Varianten ein Falschzitat.

Die Prophezeiung, das Auto sei "eine vorübergehende Erscheinung", war nachweislich schon in den 1960er-Jahren bekannt, wurde damals aber noch keinem Kaiser in den Mund gelegt.
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Quellen:
Google
Anno
Reichspost 11. Januar 1900, S. 2 (Link)
"Die Welt" 20. Dezember 2005 (Link)
Curt Riess: "St. Moritz: Die Geschichte des mondänsten Dorfs der Welt", Classen 1968, S. 68 (Link)
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Artikel in Arbeit.
2001 (Link)
2010: (Link)
(Link)
"König Ludwig XVI. auf dem Wege zum Schaffott gesagt hätte, die Revolution ist nur eine vorübergehende Erscheinung" (Link)
1900

Montag, 15. Januar 2018

"Meine Sorgen möcht ich haben." Kurt Tucholsky (angeblich)

Karl Kraus hat diesen Satz ein halbes Jahr vor Kurt Tucholsky publiziert.


1930
  • "(Meine Sorgen möcht ich haben.)"
    Karl Kraus, September 1930,
    Die Fackel 838-844, S. 61: "Wegen der Maske!" (Link)
1931
  • "Meine Sorgen möcht ich haben."
    Kurt Tucholsky, 17. März 1931,
    Die Weltbühne, XXVII. Jahrgang, Nr. 11, S. 389:
    Kaspar Hauser (Pseudonym): "Zur soziologischen Psychologie der Löcher" (Link)
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Quellen:
Die Weltbühne, XXVII. Jahrgang, 17. März 1931, Nr. 11 S. 389 (Im Projekt Gutenberg wird diese  Satire irrtümlich Peter Panther zugeschrieben; im Original: Kaspar Hauser. Textlog.de: (Link))
Karl Kraus: Die Fackel, September 1930, Nr. 838-844, S. 61
Österreichische Akademie der Wissenschaften, AAC: DIE FACKEL von Karl Kraus (digitale Edition) 
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Dank:
Ich danke Andre Gottwald für das 'Fackel'-Zitat.


Samstag, 13. Januar 2018

"Es gibt nichts Gutes, außer man tut es." Seneca (angeblich)

Das irrtümlich manchmal Kurt Tucholsky (Link), Marie von Ebner-Eschenbach oder Seneca zugeschriebene Zitat (Link) hat der deutsche Kinderbuchautor und Lyriker Erich Kästner 1950 in einem Epigramm mit dem Titel "Moral" geprägt.

Erich Kästner, 1950
  • "Moral
     Es gibt nichts Gutes
     außer: Man tut es."
     Erich Kästner (Link) 
Varianten von Zitierenden:
  • "Es gibt nichts Gutes außer: Man tut es."
  • "Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es."
  • "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es."
  • "Es gibt nichts Gutes außer man tut es." 
  • "Es gibt nichts Gutes, außer: man tut es!"
Dieses Erich-Kästner-Zitat ist inzwischen zu einem weit verbreiteten Sprichwort geworden und wird oft auch ohne Zuschreibung an einen Autor verwendet.
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Quellen:
Google: "Ungefähr 93 500 Ergebnisse"
Twitter
Dudenredaktion: "Duden Allgemeinbildung. Berühmte Zitate und Redewendungen: Die muss man kennen", Duden, Berlin: 2013, S. 69  (Link)
Hubertus Kudla: "Lexikon der lateinischen Zitate - 3500 Originale mit Übersetzungen und Belegstellen", C.H. Beck Verlag, München: 1999, Nr. 3356  (Link)
Erich Kästner: "Kurz und bündig" (EA 1950), Gesammelte Schriften für Erwachsene. Band 3. Lizenzausgabe Droemersche Velagsanstalt Th. Knaur, München / Zürich: 1969, S. 324 (Link)
Ida Metzger: "Der Finanzminister wollte eigentlich Pilot werden und ist Kenner des Philosophen Seneca." Interview mit Hartwig Löger, KURIER, 13. Januar 2018 (Link)
Marcel Reich-Ranicki: "Über Erich Kästner: Der Dichter der kleinen Freiheit", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. Februar 1974 (Link)
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Dank:
Ich danke Michael Chalupka für den Hinweis auf die falsche Zuschreibung.

Donnerstag, 11. Januar 2018

"Wer Berlin hat, hat Deutschland, und wer Deutschland hat, hat Europa." Lenin (angeblich)

(Artikel in Arbeit.)
Dieses Zitat wird meines Wissens das erste Mal in dieser Form von dem deutschen Verleger Axel Springer 1980 Lenin zugeschrieben; 1952 wurde es noch in der Version: "Wer China hat, hat Asien - Wer Deutschland hat, hat Europa", Lenin unterschoben. 

Konrad Adenauer meinte 1961 bei einer großen Veranstaltung in Köln: "Lenin und Stalin haben beide gesagt, wer Deutschland hat, hat Europa, und wer Europa hat, der hat die Welt'." Als Quelle für das Zitat führt Konrad Adenauer später in seiner Autobiographie eine Rede Lenins vom 22. Oktober 1918 an.

Entstanden ist die Parole, "Wer Deutschland hat, hat Europa",  also anscheinend als Paraphrase auf einen etwas anders lautenden Satz Lenins aus einer Rede vom 22. Oktober 1918.

Die Zusätze mit "Berlin" oder "China" sowie die Zuschreibung an Stalin scheinen frei erfunden zu sein.

1918, Lenin:
  •  "Zugleich ist unsere Hauptaufgabe die Propaganda im Interesse des ukrainischen Aufstands. Das ist so vom Standpunkt der internationalen Revolution, der Weltrevolution, denn das wichtigste Glied in dieser Kette ist Deutschland, denn die deutsche Revolution ist schon herangereift, und vor allem von ihr hängt der Erfolg der Weltrevolution ab."
    Lenin, 22. Oktober 1918 (Link)
  •  

Entwicklung des Zitats:


1949
  • "Wer Deutschland hat, hat Europa."

1952
  • "Diese Linie, die Sowjetrußland konsequent befolgte, solange Deutschland mitmachte, beruht auf Lenins politischer Grundauffassung: Wer China hat, hat Asien - Wer Deutschland hat, hat Europa." (Link)
1955
  • "In den sächsischen und thüringischen Facharbeitern sieht der Bolschewismus im Sinne Lenins, der das bekannte Wort gesprochen hat: „Wer Deutschland hat, hat Europa!“, aber auch die wichtigsten Träger der Revolution in Europa und darüber hinaus in der Welt."
1956
  • "Lenins geflügeltes Wort »Wer Deutschland hat, hat Europa« ist ein Leitstern der Sowjetpolitik von ihren Anfangen an."
1961, Konrad Adenauer:
  • "'Die SU', so Adenauer vor großem Publikum, 'hat den Drang nach dem Westen [...], und Lenin und Stalin haben beide gesagt, wer Deutschland hat, hat Europa, und wer Europa hat, der hat die Welt'."  (Link)
1965, Konrad Adenauer:
  • "Sie handelten genau nach der Parole Lenins: 'Wer Deutschland hat, hat Europa!' In einer Rede am 22. Oktober 1918 hatte Lenin ausgeführt: 'Das wichtigste Glied in dieser Kette (Weltrevolution) ist Deutschland . . . und von ihr (der deutschen Revolution) hängt der Erfolg der Weltrevolution ab.'"
    Konrad Adenauer, Erinnerungen 1945-1953
    (Link)
1970
  • "'Wer Deutschland hat' - so erklärte Lenin - 'der hat Europa, und wer Europa hat, hat die Welt'". (Link)
1972

  • "Walter Ulbricht denkt: Wer Berlin hat, hat Deutschland ... Und Stalin lenkt: Wer Deutschland hat, hat Europa."   (Link)
 
1980, Axel Springer:
  • "Denn auch ihr großer Führer Lenin hat gesagt: »Wer Berlin hat, hat Deutschland, und wer Deutschland hat, hat Europa.« Und wer glaubt, der tote Lenin sei heute bei den Sowjets nicht mehr aktuell, ..."
    Axel Springer
1981?
  • "»Wer Deutschland hat, hat Europa«, sagte Lenin, »und wer Europa hat, hat die Welt«. »Der Weg nach Konstantinopel führt durch das Brandenburger Tor«, hieß es in Petersburg schon um 1890, und Lenin ergänzte: »Wenn die Revolution gesiegt hat, wird sie ihr Hauptquartier von Moskau nach Berlin verlegen.« Das war eine unzweideutige Aussage, ein klares Programm."
    Lohausen (Link) 
    (Link)
 1987
  • "Robejsek zitierte Chruschtschow als Kronzeugen für die expansionistische Machtpolitik der Sowjetunion: »Wer Berlin hat, hat Deutschland, und wer Deutschland hat, hat die Anwartschaft auf Europa.«"  (Link)
 2012, Egon Bahr:
  • "BAHR: Ich weiß nicht, ob ich damals den Ausspruch von Lenin schon kannte: »Wer Berlin hat, der hat Deutschland, und wer Deutschland hat, der hat Europa.«" (Link)
2014
  • "Lenin: Wer Berlin hat, hat Deutschland; wer Deutschland hat, hat Europa."
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Quellen:
Google
Konrad Adenauer: Erinnerungen 1945-1953, (EA 1965), Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart: 1985, S. 95 (pdf)
Heinrich Jordis Lohausen: "Wie sicher ist Europa?" in: Pierre Krebs (Hrsg.): Mut zur Identität. Alternativen zum Prinzip der Gleichheit. 1988 (unsichere Datierung; keine durchlaufende Paginierung; fehlerhafte Digitalisierung)  (Link)
Lenin: Die Vereinigten Staaten von Europa, "Sozial-Demokrat" Nr. 44, 23. August 1915 (Link)
Lenin:  Bericht in der gemeinsamen Sitzung des Gesamtrussischen  Zentralexekutivkomitees, des Mokauer Sowjets, der  Betriebskomitees und der Gewerkschaften, 22. Oktober 1918  (Link)
(Link)
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Dank:
 Ich danke Christian Seidl sehr für seine Recherchen zu Adenauer und der Lenin-Rede von 1918 und Karl-Heinz Hitl für den Hinweis auf das Zitat.

Mittwoch, 10. Januar 2018

"Man muss nicht Ochse sein, um Rindfleisch beurteilen zu können." Karl Kraus (angeblich)

Pseudo-Karl-Kraus quote.

Der Universitätsprofessor, Unternehmensgründer und Bestsellerautor Günter Faltin war anscheinend der Erste, der dieses Zitat Karl Kraus vor 10 Jahren unterschoben hat.

Vor dem Jahr 2008 habe ich dieses Zitat in keinem digitalisierten Text gefunden. Durch welchen Irrtum Günter Falin diesen Satz Karl Kraus zuschrieb, weiß ich nicht. In den Schriften von Karl Kraus ist das Zitat weder so noch so ähnlich zu finden.

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Quellen:
Google
Twitter
Günter Faltin: "Kopf schlägt Kapital - Die ganz andere Art, ein Unternehmen zu gründen - Von der Lust, ein Entrepreneur zu sein", Carl Hanser, München: 2008, S. 68 (Link) 
Österreichische Akademie der Wissenschaften, AAC: DIE FACKEL von Karl Kraus (digitale Edition)
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Dank:
Ich danke Wolfgang Gruber für seine Recherchen (Link).

"Wacker wacker, kleiner Kacker!" Karl Kraus (angeblich)

Pseudo-Karl-Kraus quote.
Der Filmregisseur Géza von Cziffra behauptet in seiner Autobiographie, der gefürchtete Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr habe mit diesem kurzen Satz ein Stück von Robert A. Stemmle rezensiert. Ich habe allerdings diese Kurzkritik bisher noch in keinem Buch von Alfred Kerr gefunden.

Seit  Géza von Cziffra dieses Anekdote erzählt hat, wird dieses Zitat - immer ohne genaue Quellenangabe - Alfred Kerr zugschrieben; von Karl Kraus stammt es mit Sicherheit nicht und von Alfred Kerr wahrscheinlich auch nicht.


Géza von Cziffra, 1988
  • "Einmal schrieb Kerr über das Erstlingswerk eines jungen Autors, Robert A Stemmle, der inzwischen leider auch verstorben ist, nur einen einzigen Satz: »Wacker, wacker, kleiner Kacker!«" (Link)
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Quellen:
Google
Twitter
Géza von Cziffra: "Ungelogen: Erinnerungen an mein Jahrhundert",  F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, München / Berlin: 1988, S. 141
Alfred Kerr Archiv
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Dank:
Ich danke Deborah Vietor-Engländer, der vielleicht besten Kennerin der Werke Alfred Kerrs, für ihre Auskunft. 

Mittwoch, 3. Januar 2018

"Wenn ihr mich sucht, sucht mich in euren Herzen. Habe ich dort eine Bleibe gefunden, werde ich immer bei euch sein." Rainer Maria Rilke (angeblich)

Pseudo-Rilke quote. SZ, 3. Januar 2018.

Der erste Satz dieses Trauerspruchs wurde so ähnlich von einer unbekannten Person im 19. Jahrhundert geprägt, der zweite Satz (Habe ich dort eine Bleibe gefunden ...) scheint in den 1980er Jahren entstanden zu sein und beide Sätze wurde meines Wissens bis 2002 keinem berühmten Autor unterschoben. 

Erst im 21. Jahrhundert wird diese schöne Grabinschrift Rainer Maria Rilke oder Antoine de Saint-Exupéry zugeschrieben, manchmal auch dem Dichter Milead A. Yousef Shalin (Link)  oder Milead Shalin, einem Dichter, den es allerdings nicht gibt: Herr Shalin wurde wohl von einem Scherzbold erfunden. Er  existiert nur als angeblicher Autor dieses Spruchs.

Evolution des Trauerspruchs:

1851

1868
  • "Suchet mich nicht hier, suchet mich in euren Herzen; habe ich mir da kein Denkmal errichtet, so ist mein Streben vergebens gewesen."
    Grabinschrift, Jüdischer Friedhof, Berlin

    Die Morgenröthe: ein Organ für Aufklärung, Nr 1. , Graz, 1. Juli 1868, S. 8 (Link)
1869
  • "Suchet nicht hier / Suchet mich in Eurem Herzen" lautet die Inschrift auf dem Sockel unter diesem Reliefporträt von Paul Model, der beim Bergsteigen abgestürzt war." (Link)
1894
  • "Auf dem Postament der Spruch: Suchet mich nicht hier / Suchet mich in eurem Herzen."
    Hessen (Link)
1990
  • "Suchet mich nicht am Grabe, / suchet mich in Euren Herzen, / habe ich dort eine Bleibe, / habe ich nicht umsonst gelebt!" Anonym (Link)
2002
  • "Wenn ihr mich sucht, sucht mich in eurem Herzen, habe ich dort eine Bleibe gefunden, bin ich immer bei euch."  Anonym, November 2002 (Link)
2003
  • "Wenn Ihr mich sucht, dann sucht mich in eurem Herzen.
    Wenn Ihr mich dort findet, dann lebe ich in Euch weiter." Anonym (Link)
ab 2004 
  • "Ich werde leben, so lange euer Herz schlägt. Ich werde leben, so lange ich bei Euch einen Platz im Herzen habe. Ich werde leben, so lange Ihr Euren Weg geht. Ich werde leben, so lange in Eurem Leben ein Lächeln erscheint. Wenn ihr mich sucht, so sucht mich in euren Herzen. Habe ich dort eine Bleibe gefunden, bin ich immer bei euch." Milead A. Yousef Shalin (scherzhafter, an Stalin erinnernder Name; unbekannt)  (Google)
2008
  • "Wenn ihr mich sucht, sucht mich in eueren Herzen. Habe ich dort eine Bleibe gefunden, lebe ich in Euch weiter.  Rainer Maria Rilke"   (Link)

 2010
  • "Wenn ihr mich sucht, sucht mich in euren Herzen. Hab ich dort eine Bleibe gefunden, bin ich immer bei euch. Antoine de Saint-Exupéry" (Link)

2012
  • "Wenn ihr mich sucht, sucht mich in euren Herzen. Habe ich dort eine Bleibe gefunden, lebe ich in euch weiter. Rainer Maria Rilke" (Link)
2013
  • "Wenn ihr mich sucht, sucht mich in euren Herzen, Hab' ich dort eine Bleibe gefunden, bin ich für immer bei euch. Antoine de Saint-Exupéry"  (Link)

Dieser Trauerspruch wurde also im 19. Jahrhundert geprägt, scheint in der Fassung, "Suchet mich nicht hier, suchet mich in euren Herzen"besonders auf jüdischen Friedhöfen verbreitet gewesen zu sein und wird Antoine de Saint-Exupéry", Rainer Maria Rilke und Meriad Shalin, den es gar nicht gibt, immer ohne seriöse Quellenangabe unterschoben.

In den digitalisierten Schriften von Rainer Maria Rilke und Antoine de Saint-Exupéry ist der Spruch so wenig zu finden wie in seriösen Nachschlagwerken.
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Quellen:
Google
Google 
Die Morgenröthe: ein Organ für Aufklärung, Nr 1. , Graz, 1. Juli 1868, S. 8 (Link)
Ulrich Seelbach und Mitarbeiterinnen, Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld: "Trauersprüche"  (Link)  (Hinweis auf den Fake-Poeten Shalin)
Jeremias 29, 13f. (Link)

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Dank:
Ich danke Marius Fränzel, Tobias Blanken und  Peter Haas für ihre Hinweise.
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Artikel in Arbeit

"Nur wenige Menschen sind richtig lebendig. Und die, die es sind, sterben nie. Niemand, den man wirklich liebt, ist jemals tot." Unbekannter Verfasser (angeblich)

Ernest Hemingway schrieb diese Worte so ähnlich in einem schönen Trostbrief an ein Ehepaar, dessen 16jähriger Sohn Baoth Murphy nach einer langwierigen Tuberkulose im März 1935 verstorben war.

Ernest Hemingway:
  • "... very few people ever really are alive and those that are never die; no matter if they are gone. No one you love is ever dead."
    Ernest Hemingway an Gerald und Sara Murphy, 19. März 1935 (Link)
Manchmal wird dieses Hemingway-Zitat einem unbekannten Autor zugeschrieben (Link) oder ohne Angabe der Quelle (etwas verändert) in Trauergedichte eingebaut.

Ein Beispiel aus dem Jahr 2003:

"Ich bin nicht tot

Nur wenige Menschen sind richtig lebendig.
Und die, die es sind, die sterben nie.
Nur wenige Menschen lieben wirklich,
und die, die es tun, die vergisst man nicht.
Niemand, den man wirklich liebt, ist jemals tot! (1)

Wenn ihr mich sucht,
sucht mich in euren Herzen.
Habe ich dort eine Bleibe gefunden,
lebe ich in euch weiter. (2)

Weint nicht an meinem Grab um mich;
Ich bin nicht dort. Ich schlafe nicht.
Ich bin die Winde, die da wehn,
Kristallglitzer auf dem Schnee.
Ich bin die Sonne auf Ährengold.
Ich bin der Regen, herbstlich hold...
Steht nicht am Grab, die Augen rot,
ich bin nicht dort. Ich bin nicht tot. (3)
(Goethes Erben)" 2003
(Link)


Die erste Strophe (1) stammt so ähnlich von Ernest Hemingway, die zweite Strophe (2) geht auf eine anonyme Grabinschrift aus dem 19. Jahrhundert zurück und die dritte Strophe (3) ist die Übersetzung eines populären amerikanischen Gedichts, das der Amerikanerin Mary Elizabeth Frye zugeschrieben wird.

  • "Do not stand at my grave and weep
    I am not there I do not sleep
    I am a thousand winds that blow
    I am the diamond glint on snow
    I am the sunlight on ripened grain
    I am the gentle autumn rain
    When you awake in the morning's hush
    I am the swift uplifting rush
    Of quiet birds in circled flight
    I am the soft stars that shine at night
    Do not stand at my grave and cry
    I am not there, I did not die."
    Mary Elizabeth Frye, 1932 (angeblich) (Link)
Diese in England und Amerika bei Begräbnissen sehr beliebten Verse kamen durch die Übersetzung von Ken Wilbers Buch "Grave and Grit" ("Trauer und Mut" Link) in den deutschen Sprachraum. Deswegen wird Ken Wilber manchmal das Gedicht zugeschrieben, obwohl er selber in dem Buch angibt, seine Tante habe ihm das Gedicht gesandt (Link).

Das Gedicht ist in mehreren Varianten verbreitet und die Urheberschaft von Mary Elizabeth Frye ist nicht völlig sicher (Link).

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Quellen:
(Link)
2002: Who did write (Link)
Unbekannter Verfasser (Link)
Ken Wilber: Grave and Grit (Link)
Ken Wilber: Trauer und Mut, zit. nach (Link)
Wikipedia

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Artikel in Arbeit

Donnerstag, 28. Dezember 2017

"Der Horizont vieler Menschen ist ein Kreis mit Radius null - und das nennen sie ihren Standpunkt." Albert Einstein (angeblich)

Pseudo-Albert-Einstein quote.

Dieser Aphorismus ist unter Physikern und Mathematikern seit bald 100 Jahren bekannt und wurde im 20. Jahrhundert immer nur dem Göttinger Mathematiker David Hilbert zugeschrieben.

Erst im 21. Jahrhundert wird er vereinzelt Werner Heisenberg, Bertrand Russell, Leonhard Euler und Carl Friedrich Gauß und sehr oft - vor allem in vielen unseriösen Online-Zitatsammlungen - Albert Einstein unterschoben.

Da der Spruch Albert Einstein erst 50 Jahre nach seinem Tod und immer ohne Quellenangabe zugeschrieben wird, weder in Einsteins digitalisierten Schriften noch in seriösen Nachschlagwerken zu finden ist, wird er ihm - so wie Dutzende andere Pseudo-Einstein-Zitate - höchstwahrscheinlich fälschlich zugeschrieben.
 

1931
  • "Einem Besucher, der unbeirrbar an einer vorgefaßten falschen Meinung festhielt, soll der berühmte Göttinger Mathematiker Hilbert gesagt haben: „Es gibt viele Leute mit einem geistigen Horizont vom Radius Null. Den nennen sie dann ihren Standpunkt.'"
    Der Querschnitt, Jg. XI, Ausgabe 1, 1931, S. 134  (Link)
1952
  • "Hilbert definierte: „Es gibt viele Leute, die haben einen Gesichtskreis mit dem Radius null, und das nennen sie ihren Standpunkt. Nach einer anderen Überlieferung soll er gesagt haben: „Jeder Mensch hat einen gewissen Horizont. Wenn der unendlich klein wird, dann sprechen sie von ihrem Standpunkt." " (Link)
1959
  • "Ein geistvoller Mathematiker prägte einmal das spitze Scherzwort: 'Manche Leute haben einen Horizont mit dem Radius Null und nennen das Standpunkt'." (Link)
 1973
  • "Was Ist ein Standpunkt? — Ein geistiger Horizont mit dem Radius Null."
    Anonym  (Link)
 1977
  • "Es gibt Menschen“, so sagte Hilbert sinnend, „die haben einen Horizont vom Radius Null; und den nennen sie ihren Standpunkt.“ (Link)
2002
  • "Ein altes Sprichwort sagt: Es gibt Leute mit einem theoretischen Horizont vom Radius Null, den nennen sie dann ihren Standpunkt." (Link)
  • "Hierher paßt das Wort von Heisenberg: Ein Mensch mit einem Standpunkt hat einen Horizont vom Radius Null."  (Link)
 2004
  • "Und er hat in diesem Haus vermutlich schon damals Carl Friedrich Gauß zitieren gelernt: 'Es gibt Menschen mit einem geistigen Horizont vom Radius Null, und den nennen diese Leute dann ihren Standpunkt'. " (Link)
2005
  • "Der Horizont vieler Menschen ist ein Kreis mit Radius Null - und den nennen sie ihren Standpunkt." Einstein?  Link
2008
  • "Der HORIZONT der meisten Menschen ist ein Kreis mit dem Radius Null, den sie ihre Meinung nennen!" A. Einstein  (Link)
2009

  • "Der Horizont der meisten Menschen ist ein Kreis mit dem Radius null. Und das nennen sie ihren Standpunkt. Albert Einstein"
    Zitate im Management (Link)

Ein Zitat, das jahrzehntelang immer nur David Hilbert oder einem unbekannten Mathematiker zugeschrieben wurde, wird seit etwa 12 Jahren ohne Angabe von guten Gründen Albert Einstein unterschoben.
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Quellen:
Google
Wikiquote 
Alice Calaprice: "The Ultimate Quotable Einstein", Foreword: Freeman Dyson, Princeton University Press, Princeton and Oxford: 2011 (Keine Erwähnung des Zitats.)
Monika Mörtenhummer, Harald Mörtenhummer: Zitate im Management: Das Beste von Top-Performern und Genies aus 2000 Jahren Weltwirtschaft. Linde: 2008, ebook (Link)
Der Querschnitt, Jg. XI, Ausgabe 1, 1931, S. 134  (Link) 
Zuschreibung an Bertrand Russell: Uni Mainz (Link) 
Zuschreibung an Leonhard Euler: (Link) 
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Dank:
Ich danke Nicole delle Karth für den Hinweis auf dieses Falschzitat.